Anfang 2020

Als wir am Anfang 2020 die Pläne für das neue Jahr schmiedeten, ahnten wir natürlich noch nicht, in welcher Lage wir uns in Kürze befinden werden. Das Jahr sollte eigentlich ein Jahr des Selfcares sein. Ich habe mich endlich dazu überwunden, mich vollständig meiner Selbstständigkeit zu widmen und damit die Möglichkeit und Freiheit bekommen, meine Arbeit nach meinen eigenen ethischen, moralischen und zeitlichen Kriterien zu erfüllen. Außerdem wollte ich mehr für meine Gesundheit und meine Emotophobie machen und habe ein neues Studium aufgenommen. Meine Frau, die die vergangenen 5 Jahre vor allem unseren Kindern gewidmet hat, wollte nun endlich ihre eigene Karriere als Illustratorin starten und an Dingen arbeiten, die ihr wichtig sind. Die Zeit schien nach Jahren wieder reif zu sein für Themen, die uns als Individuen am Herzen lagen.

Die Realisierbarkeit unserer Pläne wurde jedoch schon sehr früh auf den Prüfstand gestellt. Noch bevor Corona überhaupt eine richtige Rolle gespielt hat für uns, haben wir die ersten paar Wochen des Jahres 2020 mit unseren Kindern zu Hause verbracht, weil unser Sohn Scharlach bekam. Nach ca. 2 Wochen hat er diesen ausgeheilt und unsere Tochter folgte direkt darauf mit der Erst-Infektion mit dem gemeinen Herpes-Virus. Natürlich blieben meine Frau und ich nicht verschont und schlossen uns der Krankheitsphase mit einer schönen Grippe wechselseitig an. Kaum war die aber überstanden… Lockdown 🔒.

Es war bereits März und auch wenn unsere Wünsche und Vorstellung andere waren, haben wir die Entscheidung zum Lockdown natürlich für absolut richtig gehalten und befolgt (und tun dies heute immer noch). Daher setzten wir auch alles daran, die Kontaktbeschränkungen einzuhalten und keine anderen Kinder oder Erwachsene in unser Umfeld zu lassen, die nicht unbedingt sein mussten. Das stellte uns vor viele Herausforderungen. Wie schaffen wir es, dass die Kinder ohne soziale Kontakte dennoch sich sozial weiterentwickeln können? Welche Nachteile könnten die Kinder haben? Welche Fähigkeiten und Skills würden sie jetzt in der KiTa lernen, die wir ihnen jetzt vermitteln müssen? Wie kriegen wir jetzt Beruf und Kindererziehung unter einen Hut? Ist es irgendwie möglich, dass ich meinen Job mache und meine Frau trotzdem auch die Zeit bekommt, an ihrer Karriere zu arbeiten?

Was die berufliche Situation betrifft, haben wir viel darüber geredet und viele unterschiedliche Szenarien durchdacht und probiert, aber in diesem Moment, also in dieser Situation, gab es kaum eine andere sinnvolle Alternative, als dass sie sich quasi Vollzeit um die Kinder kümmert, während ich Vollzeit arbeite. Meine Kunden hatte ich schließlich schon und damit auch meine Verpflichtungen. Gleichzeitig gab uns das aber auch Sicherheit, denn wir wussten, dass wir so zumindest gut finanziell über die Runden kommen.

Die Kids haben wir dann auch zu Hause so gut unterhalten und bespaßt, wie es ging. Zum Glück haben wir einen kleinen Garten, den wir um einen Sandkasten und ein Trampolin erweitert haben. Und da ja gerade Frühlingsanfang war, haben wir auch ganz viel mit den beiden gemeinsam gegärtnert. Dann haben wir Brettspiele gespielt, Zahlen gelernt, Uno gespielt, Buden gebaut, Tomaten und Sonnenblumen gesät… Das war schon wirklich wundervoll. Wir haben auch viel im Garten gelegen und uns Nachts die Sterne angeguckt. Vor allem mein Sohn ist total fasziniert davon, wie dunkel es nachts ist und fragt sich, warum das so ist. Und wie weit wohl die kleinen Lichtpunkte am Himmel weg sind.

Auch wenn die Zeit sehr anstrengend war, haben wir jede Sekunde mit unseren Kindern genossen. Das schönste war, dass wir, gerade durch den vielen Kontakt, nicht einfach nur Eltern waren, sondern auch Spielfreunde und Lehrer. Tröster und Erklärer. Sänger und Entertainer. Rollen, die man so als Elternteil vielleicht gar nicht mehr so bewusst wahrnimmt, wenn die Kinder die meiste Zeit nicht zu Hause sind (Kindergarten, Schule, draußen mit Freunden…). Die Beziehung zu den beiden ist so eng geworden. Das ist schon wirklich wundervoll.

Aber es gab auch Dinge, die wirklich schwer waren. Wir sind vor zwei Jahren in eine wirklich schöne und familienfreundliche Gegend gezogen mit vielen Kindern aller Alterklassen. 2019 haben unsere beiden ganz viele Freunde hier gefunden. Das schöne ist, dass sich alle Kinder gegenseitig beschützen und aufeinander achten. Die Älteren passen auf die Jüngeren auf und die Jüngeren nehmen sich die Älteren als Vorbilder, die der Rolle auch echt gut gerecht werden. Das Ding war nur, dass die meisten anderen Eltern aus der Gegend die Maßnahmen nicht wirklich ernst genommen haben. Das führte dazu, dass die ganzen Banden ständig bei uns an der Haustür geklingelt und nach unseren beiden Kids gefragt haben. Einem 4-Jährigen und einer 2-Jährigen zu Erklären, dass sie ihre Freunde nicht sehen dürfen wegen einem Virus… puh. Das ist nicht leicht. Es hat mir regelmäßig das Herz gebrochen, meine Kinder weinen zu sehen, weil sie nicht mit ihren Freunden spielen durften. Irgendwann fragte mein Sohn sogar mal: “Papa, warum dürfen wir keine Freunde haben?”.

Mitte 2020

Als die Zahlen dann wieder runtergegangen sind und die Kinder auch unter strengen Auflagen in die KiTa durften, war erstmal eine Zeit des Aufatmens gekommen. Kräfte tanken. Den Sommer über haben wir viel im Freien verbracht - vor allem im Königsberger Forst. Die Kontaktbeschränkungen bestanden aber weiterhin… und wir haben versucht uns so wenig wie Möglich mit anderen zu treffen. Aber wir haben kontrollierte Spieltreffen mit einzelnen Kindern (Neffen, besten Freunden und so) organisiert und Kontaktlisten gepflegt, damit die Kinder auch sich etwas resozialisieren konnten. Tja, und wir haben natürlich Vorbereitungen getroffen. Denn uns war klar: Das war’s noch nicht.

Der nächste Lockdown 🔒 folgte dann Ende Oktober. Da wir aber sehr scharf auf die Zahlen geachtet haben, haben wir die Kinder schon seit Ende September wieder vollständig zu Hause gelassen. Und diesmal war irgendwie kein Ende in Sicht… auf die eine Verlängerung folgte die Nächste… Die Zahlen stiegen und stiegen… aber wir wollten nicht schlapp machen. “Das packen wir auch noch!”. Innerlich wussten wir aber schon, dass uns irgendwie langsam die Puste ausging. Jeden Tag der krasse Lärmpegel. Jeden Tag kaum Ruhe. Jeden Tag den ganzen Tag die Kinder bis Abends bespaßen - was zwischendurch wirklich nicht einfach war, weil die zwei auch im Rhythmus etwas durcheinander gekommen waren und manchmal erst gegen 22:00 oder 23:00 Uhr wirklich am schlafen waren. Also kaum Qualitytime mehr für uns - weder für uns alleine, noch für uns als Paar. Keine anderen Menschen mehr sehen, hören und riechen. Das ging uns mit der Zeit schon echt ziemlich an die Reserven.

Ende 2020

Da kam uns dann Anfang Dezember eine ungewöhnliche, aber rettende Idee: Mein Schwiegervater, der sich zu dem Zeitpunkt noch für eine ungewisse Zeit in Schweden bei seiner Freundin aufhielt, hatte eine Wohnung, die völlig leer stand. Also, natürlich vollkommen eingerichtet, nur lebte da gerade niemand drin. Und das wenige Kilometer von uns entfernt. Das klang irgendwie verführerisch. Wir dachten also darüber nach, ob wir uns zeitweise trennen - also räumlich. Um jedem etwas mehr Raum und Ruhe zu gönnen und um die Kinder etwas konkreter aufzuteilen. Der Beschluss war dann ein paar Tage später gefasst. Aber… vor der Aktion gönnte sie sich noch zwei Wochen Auszeit und fuhr zu einer guten Freundin nach Hamburg, um zumindest für eine Weile ein anderes Gesicht zu sehen und eine andere Stimme zu hören.

Als sie wieder da war, organisierten wir kurzerhand den “Auszug”. Sogleich teilten wir die Kinder unter uns auf. 3 Tage bei ihr, 4 Tage bei mir. Zugegeben, das war auch anstrengend, aber: Wir hatten plötzlich mehrere Tage in der Woche, in der wir uns ganz um uns selbst kümmern konnten. Mal einfach in Ruhe ein Buch lesen. In Ruhe ein Bad nehmen. Ohne Rücksicht auf irgendwen einfach das Haus verlassen. Morgens mal so richtig ausschlafen… Das war irre gut. Und das sollte nur der Anfang der positiven Effekte sein: Wir hatten wieder richtig Power für die Kinder. Wir hatten sogar wieder richtig Power für uns. Wir haben uns wieder vermissen gelernt. Und wir hatten uns wieder so viel aus dem Alltag zu erzählen, denn vorher hat der Partner ja quasi alles einfach aus erster Hand miterlebt. Und so konnten wir uns wieder richtig viele tolle Geschichten erzählen. Wir haben uns wieder mehr schöne Nachrichten geschrieben und uns gezeigt, wie sehr wir uns doch fehlen.

Das war so komisch alles… Mit meiner Frau lebe ich seit 7 Jahren zusammen und nun mussten wir feststellen, dass wir gerade auf Distanz viel besser funktionieren. Alleine, als Eltern und als Partner. Das war gleichzeitig verwirrend, als auch einleuchtend. Natürlich haben wir auch viel mit anderen geredet und verglichen, wie andere Paare und Eltern diese Phase durchstehen. Wir mussten feststellen, dass unser Weg schon sehr ungewöhnlich war, aber für uns passte er perfekt.

Meine Frau hat in der Zeit sogar an ihrer Karriere arbeiten können. Und, ohne zu sehr darauf einzugehen, ist das gerade deswegen besonders erwähnenswert, weil sie eine bipolare Depression hat, die sie viele Jahre lang daran gehindert hat, ihre Künstler-Karriere wirklich anzugehen. Also… wirklich großartige Erfolge!

2021

Wir haben dieses Konzept eine ganze Weile verfolgt - bis in den Februar hinein. Der Wunsch wieder zusammen zu sein war dann doch wieder so groß, dass wir die Situation mit den zwei Wohnungen beendeten. Die Wohnungen lagen 60km auseinander, was auch einfach mit voranschreitender Zeit sowohl ökologisch, als auch ökonomisch nicht mehr zu vertreten war. Unser Ziel war auch die guten Errungenschaften gemeinsam weiterzuführen. Aber es hat sich gezeigt, dass das alles nicht so einfach war. Der Lockdown 🔒 ging ja auch noch weiter. Die Kinder waren immer noch zu Hause und die Zeit, die wir für uns brauchten, war plötzlich nicht mehr da. Und die Depression meiner Frau tat ihr restliches.

Nachdem wir das ganze einen Monat lang ausprobiert haben und leider feststellen mussten, dass es nicht so gut klappte, wie erhofft, haben wir uns dazu entschlossen, als Paar und Partner uns zunächst dauerhaft räumlich voneinander zu trennen. Meine Frau zieht jetzt in ihre eigene Wohnung, die sich ganz in der Nähe unseres Hauses befindet. Als alleinlebende Personen wollen wir unsere Beziehung ganz normal weiter führen und uns somit gegenseitig die Räume und Zeiten freimachen, die wir brauchen, um uns als Individuen auch weiter entwickeln zu können. Das ist die einzige Möglichkeit, in der sie sich ihrer Karriere widmen und sich künstlerisch vollständig entfalten kann, ohne durch äußere Umstände gestört zu werden. Und um sich auch gleichzeitig eine Absicherung für das Alter zu verschaffen.

Reparieren, statt neu kaufen

Es ist fast 20 Jahre her… damals habe ich meine Mutter oft in der Altenpflegeeinrichtung besucht, in der sie gearbeitet hat. Diese war nur wenige Fußminuten weit entfernt von dem Gymnasium, das ich besuchte. Ich wartete darauf, dass meine Mutter ihre Schicht beendete und wir zusammen nach Hause fuhren. In der Zeit spielte ich gerne mit den Bewohnern dort Gesellschaftsspiele und unterhielt mich viel mit ihnen. Eine Dame ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Frau Seidel. Als wir uns über ihre Vergangenheit unterhielten, offenbarte sie mir, dass sie mit ihrem Mann über 70 Jahre lang verheiratet war. 70 Jahre… ich war 12 und diese Zeitspanne war für mich völlig unvorstellbar. Sie sagte mir, dass dieser Mann für sie alles bedeutet hat. Er war ihr bester Freund, der beste Kritiker, der beste Liebhaber und der Partner. Er war der Mensch, den sie von Herzen liebte und gleichzeitig am meisten Hassen konnte. Niemand konnte in ihr so viel Glück erzeugen, wie er und niemand konnte sie so nerven, wie er. Sie sagte, dass das möglich ist, wenn man “Sachen repariert, anstatt sie wegzuschmeißen und neu zu kaufen”. Damals war mir nicht wirklich klar, was der Satz meinte…

Für viele mag dieser Schritt so klingen, als wäre es der Anfang eines Endes. Zugegebenerweise würden auch viele andere Paare eine solche Situation vollständig beenden. Für uns stellt sich diese Option aber gar nicht erst. Wir sind zwei Menschen, die füreinander die besten Freunde, Partner, Liebhaber und Kritiker sind. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen und kein Mensch ist frei von Sorgen, Ängsten oder Eigenheiten. Sie machen uns gerade zu dem, was wir sind. Und genau deswegen gibt es keine Patentrezepte zur Lösung solcher Probleme. Meine Frau ist durch ihre Depression nie wirklich in die Situation gekommen, in den Arbeitsmarkt zu treten. Während ihrer Studienzeit sorgten ihre Eltern für sie, dann übernahm ich die Versorgung der Familie. Jetzt will sie das alles aufarbeiten, eigene Mieten zahlen, selbstständig und selbstwirksam werden und die 30er genießen. Sowohl als Frau, Mutter, Partnerin und Künstlerin. Wenn wir so den Rahmen dafür schaffen, ist das mehr als perfekt.

Der Weg ist das Ziel

Wohin uns das alles führen wird, wird sich zeigen. Wir machen jetzt aber erstmal das beste aus der Sache. Bleibt Corona eine Ausnahmesituation? Das wissen wir nicht… Ändern sich die individuellen Prioritäten? Sicherlich! Aber wir wollen möglichst dynamisch auf alles reagieren können und uns nicht in eine Abhängigkeit begeben, die niemandem gut tun. Und die Kinder freuen sich schon auf die zusätzliche Wohnung und planen fleißig die Einrichtung mit. :)